Pinker Sondermüll

Unser klischeeOlé im April 2021 und gleichzeitig Rückmeldung aus unserer Winterpause: Der Pinky Gloves®. Zu diesem pinken Gummihandschuh ist mittlerweile fast alles gesagt. Fast.

“Hygienisch. Diskret. Für Unterwegs.” bewerben die Gründer André Ritterswürden und Eugen Raimkulow ihr Produkt Pinky Gloves® – ein Einmalhandschuh mit Klebestreifen. Pinky, na klar, denn wie sonst soll ein Produkt aussehen und heißen, das niedliche Frauen als Zielgruppe identifiziert? Und was hier an pinke Putz- oder Gartenhandschuhe erinnert – ja, gibt das Gendermarketing alles her – legt in Sachen Abwertung gegenüber Frauen nun noch eine Schippe drauf.

Foto: Pinky Gloves®, Screenshot: klische*esc e.V.
Kachel: Goldener Zaunpfahl

Die pinken Handschuhe dienen dazu, Einwegperiodenprodukte überall unauffällig entsorgen zu können, damit niemand mitbekommt, dass eine menstruierende Person gerade einen Tampon im Müll liegen hat. Die Idee hatten die Jungunternehmer in ihrer WG-Zeit, in der sie das Badezimmer mit menstruierenden Mitbewohner*innen teilten und “beim Blick in den Badezimmereimer ein wenig… sagen wir “verwundert” “ waren. Das wiederum wundert uns: Sie waren verwundert, dass die Frauen in der WG menstruieren? Sie waren verwundert, dass das bedeutet, dass Menstruationsblut entsorgt wird? Was haben sie denn stattdessen erwartet?
Ähnlich verschreckende Erfahrungen muss wohl auch Investor Ralf Dümmel gemacht haben, der dem Start-up bei der VOX-Sendung “Die Höhle der Löwen” (DHDL) direkt einen Deal anbot und mit einstieg in das pinke Mülluniversum.

Die Plastikhandschuhe sorgen für eine weitere Tabuisierung der Periode, da jeder bloße Sichtkontakt mit allem, was mit Regelblut(ung) zu tun hat, vermieden werden soll, ja selbst die menstruierende Person selbst (aus Sicht der Gründer sind das nur Frauen) kann so den Kontakt zu ihrem Körper verhindern.

Zum Glück ist der gesellschaftliche Diskurs schon so weit, dass sich direkt nach der Sendung ein ordentlicher Shitstorm über Pinky ergoss. Menstruierende wollen nicht von zwei Männern erklärt bekommen, wie sie mit ihrer Regelblutung umzugehen haben, und sie brauchen sicher keinen überteuerten Plastikhandschuh für etwas ganz Natürliches. Zumal es Einmalhandschuhe oder Müllbeutelchen für die Monatshygiene schon lange deutlich günstiger gibt (für 2,5 Cent das Stück – Pinky Gloves® das Zehnfache!). #PinkTax und #Mansplaining at its best.
Nicht grundlos wird gefragt, ob es dann nicht auch Produkte zur diskreten und geruchsneutralen Entsorgung von Körperflüssigkeiten von nicht menstruierenden Männern geben sollte. Nach der Genderlehre des Werbegottes wären die dann wohl blau?

Unternehmen einsichtig?

Zwei Pinky-Packungen untereinander, darunter Preisschild: Hygienehandschuh-Set, 2,99 Euro

Die Unternehmer zeigen sich mittlerweile offen für Einsicht – juhu. Aber entgegen ihrem nachträglichen Schönreden auf Twitter und Instagram haben nicht sie dazu beigetragen, dass der “gesellschaftliche Diskurs jetzt breit geführt wird“. Mit ihrer anmaßenden Haltung wischen sie die Erfolge jahrzehntelanger feministischer Arbeit zur Seite und setzen sie dazu noch aufs Spiel. Dabei hätten sie einfach schon vorab mal auf Menstruierende in ihrem Umfeld hören können: „Die Ladys reagieren immer sehr fassungslos, wenn wir ihnen von Pinky erzählen“, sagt Ritterswürden laut ZETT.de in der Sendung. Oder die Herren in der Löwenrunde hätten zwei Expertinnen innerhalb ihrer Show besser zuhören und in sie investieren sollen:

Gleiche Sendung, einige Zeit zurück: Die Gründerinnen Kristine Zeller und Dr. Kati Ernst stellen ihr Unternehmen Ooia vor und bekommen für ihre “Period Panties” keinen Deal von den männlichen “Löwen” angeboten. Die Menstruationswäsche soll das Füllvolumen dreier Tampons haben, Gerüche und Bakterien unterbinden und umweltbelastende Einmalartikel wie Tampons und Binden überflüssig machen. Laut Einschätzung der Männer in der Runde damals sei das Vorhaben zu sehr “Nische” gewesen. Ahja. Ein Produkt, das der Hälfte der Bevölkerung angenehmere Bedingungen während des Menstruierens und der gesamten Bevölkerung einen umweltschonenden Wandel verschafft, wird als Nische interpretiert. Aber nicht-menstruierenden Menschen das Leben zu erleichtern, indem sie nicht mehr durch Anblick und Geruch von entsorgten Menstruationsprodukten belästigt werden, hat angeblich einen Markt.
Die Investoren haben sich damit, wie schon viele zuvor, mit einem deutlichen Gender-Bias und -Data-Gap ein Eigentor geschossen. Denn Menstruationswäsche wird mittlerweile mit großem Erfolg vertrieben und genutzt.

Rückseite einer Pinky-Packung mit Instruktionen zur Handhabung
Foto: klische*esc e.V.

Macht was mit eurer Verantwortung

Pinky scheint einer Zeit entsprungen, die wir längst hinter uns glaubten. Der enorme Aufschrei auf Social Media und in quasi allen Redaktionen des Landes beweist, dass dieses Fossil keinen Zuspruch findet – sein Schicksal scheint also besiegelt. 
Gleichzeitig bleibt ein entstandener Schaden. Denn das Produkt ist im Handel. Tausende Menschen haben die Sendung und Werbung gesehen. Es ist nun am Unternehmen, insbesondere am Investor und an VOX hier mit mehr als einer Einsichtsbekundung zu reagieren.
Klar haben wir schon Ideen wie:

Und DHDL, außerdem:  Nutzt das doch mal, um euer Sendungskonzept ganz grundsätzlich zu überdenken. Es sollte jedes Produkt dahingehend überprüft werden, inwieweit es zentrale globale Probleme verschärft oder verbessert: Klimawandel, Geschlechtergerechtigkeit, soziale Ungleichheit, Rassismus. Damit kämet ihr einer zentralen Forderung des Equal Care Manifests nach und würdet euch Nullnummern wie Pinky Gloves® sparen.

Wir behalten das im Auge – ganz sicher.

Höchst verdient geht Pinky Gloves® mit seinen Gründern André Ritterswürden und Eugen Raimkulow dem Investor Ralf Dümmel und dem Fernsehsender VOX mit ihrem Format „Die Höhle der Löwen“ ins Rennen um den Goldenen Zaunpfahl 2021.

Danke an Marie Mönkemeyer (@SFantastisch), die das Produkt als Erste bei uns einreichte.

Es folgten zahhlreiche weitere Einreichungen aus der Community – danke auch dafür!
Das Produkt ist seit April 2021 auf dem Markt.

(sa, ngd, as, sb)

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