B wie Binarität, G wie Geschlechtertrennung: Willkommen im kreativen Basteluniversum der ROTH Filzbuchstaben. Hier lernen Kinder nicht nur das Alphabet, sondern ganz nebenbei auch, dass selbst Buchstaben offenbar ein Geschlecht haben.
Der Nürnberger Hersteller ROTH verkauft selbstklebende Filzbuchstaben in zwei fein säuberlich getrennten Varianten. Was für wen gedacht ist, lässt sich bereits an den Farben erkennen: kühle, dunklere Blau- und Grün-Töne in der einen Packung, warme, helle Rot- Gelb- und Lila-Töne in der anderen. Wer trotzdem noch unsicher ist, welche Variante für welches Geschlecht gedacht ist, erhält Hilfe durch explizite Aufdrucke: „für Jungen” auf der blauen Packung, „für Mädchen” auf der anderen . Damit auch niemand aus Versehen zur falschen Packung greift.
Pädagogisch irgendwie fragwürdig. Denn was genau macht ein blaues „A“ männlich oder ein lila „M“ weiblich? Wird das „O“ runder, wenn es für Mädchen gedacht ist? Ist das „Z“ für Jungen besonders robust? Enthält die Mädchen-Tüte extra viele Fs für Feen und die Jungen-Tüte mehr Ms für Monster? Könnte man zumindest annehmen angesichts der Geschlechtsfixiertheit der Roth GmbH. Kinder müssen anscheinend möglichst früh eingetrichtert bekommen, dass selbst beim Basteln die Welt strikt zweigeteilt ist.
Gerade Produkte wie Filzbuchstaben sind Paradebeispiele für eigentlich geschlechtsneutrale Gegenstände, die unnötig zweigeteilt werden. Sie dienen dem spielerischen Lernen, der Kreativität, dem Ausprobieren. Umso absurder wirkt es, hier eine binäre Trennung einzuziehen – und das auch noch so sichtbar auf der Verpackung. Wer nicht ins Farbschema passt, bastelt offenbar falsch.
Besonders perfide: Die Vorsortierung der Farben nimmt Kindern die Freiheit, selbst zu entscheiden, was ihnen gefällt. Statt einfach alle Farben wild durcheinander anzubieten (so wie es ein kreatives Bastelprodukt eigentlich nahelegen würde), wird hier vorgefiltert, normiert und einsortiert. Kreativität, aber bitte innerhalb klar definierter Geschlechtergrenzen.
Man fragt sich unweigerlich: Für wen ist dieses Produkt eigentlich gemacht? Für Kinder – oder für Erwachsene, die ihre Vorstellungen von „typisch Junge“ und „typisch Mädchen“ schon beim Basteln durchsetzen wollen?
ROTH zeigt mit diesen Filzbuchstaben eindrucksvoll, wie tief die Rosa-Hellblau-Falle selbst in vermeintlich harmlosen Alltagsprodukten verankert ist, um auf dem Rücken von Kindern Profit zu machen.
Das ist gruselig, denn:
Das Produkt* richtet sich nur an ein (binäres) Geschlecht: Es schließt durch seine Gestaltung – z.B. durch die Verwendung bestimmter Farben (vgl. Rosa-Hellblau-Falle), Symbole, Aufschriften – oder auf andere Weise explizit oder implizit Menschen auf Grundlage ihrer Geschlechteridentität vom Kauf oder der Nutzung aus.
Die Werbung / Verpackung legt den Fokus auf stereotyp zugewiesene Eigenschaften einer Zielgruppe und legt damit fest, für wen das Produkt angeblich produziert wurde.
Das Produkt / die Werbung reduziert Personen auf ihre klischeehaft dargestellte Geschlechtszugehörigkeit und / oder reproduziert stereotype Geschlechterrollen.
Es werden Unterschiede zwischen den Interessen / Vorlieben der Geschlechter betont oder konstruiert.
Mädchen / Frauen und Jungen / Männer werden in hierarchischer Beziehung zueinander dargestellt.
Es besteht ein deutliches Ungleichgewicht in der Anzahl der abgebildeten (oder genannten) Frauen und Männer.
Das Geschlecht einer Person wird ohne Bezug zum Produkt besonders hervorgehoben und betont.
Das Produkt wird zwar als unisex-Produkt angeboten, enthält aber trotzdem eine implizite Geschlechtszuordnung.
Die Produktbeschreibung / die Werbung ist nicht geschlechtergerecht formuliert.
Das Produkt wird mit „Gender Pricing“ / „Pink Tax“ verkauft, d.h. die an Frauen gerichtete Version ist teurer.
Also ROTH, wir hätten da einen Vorschlag: Wie wäre es mit Filzbuchstaben „für alle“? Einfach alle Farben rein, fertig. Kinder kriegen das mit der Kreativität nämlich ganz gut alleine hin – ganz ohne geschlechtsspezifische Anleitung.
Bis dahin gibt’s von uns einen kräftigen Wink mit dem Zaunpfahl nach Nürnberg.
(KR)