In der Nähwelt gibt’s nur Hausfrauen

In der Sonderausgabe Burda-Baby vom Verlag Burda-Style begrüßt die Redaktion die Lesenden mit der Überschrift “We are Family”. Doch wenn die Näher*innen dann weiter lesen, wird schnell klar, dass mit Familie laut Redaktion nur Mütter und Omas (und deren Kinder und Enkelkinder) gemeint sind. Väter gibt es in dieser Nähblase anscheinend gar nicht. Und Erwerbsarbeit der Frauen irgendwie auch nicht. Die Frauen haben stattdessen ihre “Tage voll mit Einkaufen, Kindergarten, Kita, Spielplatz, Homeschooling [und] dem Haushalt”. Nein, liebe Redaktion, das angehängte “um nur einen kleinen Teil zu nennen” genügt nicht, um Frauen auch als Erwerbspersonen und Individuen mit persönlichen Bedürfnissen darzustellen.

Beitragsbild zu "In der Nähwelt gibt’s nur Hausfrauen"
Foto: klische*esc e.V.
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Generisches Femininum?

Diese Rhetorik funktioniert ähnlich wie das generische Maskulinum, das andere Geschlechter mitmeint, aber die Hörenden eben nicht mitdenken lässt. Nähinteressierte Männer oder nicht-binäre Menschen dürften nach diesem Intro bereits im Laden das Heft schnell wieder weglegen, da es ja eindeutig nicht an sie adressiert ist.

Me-Time für Mami

Frauen in der Welt von Burda-Style auch als Erwerbstätige zu denken, fällt umso schwerer, weil es ja keine Väter oder andere Elternteile zu geben scheint. Allenfalls bleibt die Care-Last dann auf Omas Schultern liegen.
Frauen wird hier ganz klar die Rolle der Hausfrau und Mutter zugeschrieben. Die darf erst, nachdem die Hausaufgaben kontrolliert sind, das Essen für den nächsten Tag gekocht ist und alle Bäder und Böden im Haus blitzen, noch hübsche Teilchen für ihre Familie nähen. Das wird dann auch noch als Entspannung, Auszeit, „Me-Time“ dargestellt. Klar kann Nähen ein schönes Hobby sein, das Ausgleich zum stressigen Alltag bietet, aber letztendlich ist das Nähen von Kinderkleidung für den eigenen Nachwuchs immer eine Form der (durch und durch weiblich konnotierten) Care-Arbeit. Fast schon überflüssig zu sagen, dass natürlich auch die Schnittmuster bei Burda-Baby feinsäuberlich nach „Junge“ und „Mädchen“ getrennt sind.

Nicht mal näh dran

Burda-Style reproduziert hier stereotype Rollenbilder und verortet ohne weitere Reflektion die Care-Arbeit bei den Frauen. Damit lässt der Verlag alle anderen Geschlechter sowie den Teil der weiblichen Lebenswelt, der ökonomische Sicherheit und gesellschaftliche Mitbestimmung ermöglicht, verschwinden. Das ist meilenweit von Geschlechtergerechtigkeit entfernt.

Dieses Heft des Burda Style Teams aus Offenburg bekommt hiermit einen Wink mit dem Goldenen Zaunpfahl.

ngd

VÖ: 2021