Das vermaledeite „Mutti-Siegel“

Mutti-Siegel: Wer kennt es nicht?
„Von Müttern empfohlen“ – „Von Müttern getestet“ – „Muttis Liebling“ – „Mamas beste“ „Von Müttern für Mütter“ und so weiter.
Ob Keks, Waschmittel, Seife, Creme oder Strampler, es gibt in jeder Kinder- und/oder Fürsorge-relevanten Produktkategorie mindestens eine Firma, die mit dem „Mutti-Siegel“ wirbt. 

 

Foto: (c) Vario Color GmbH / Screenshot Klische*esc e.V.

 

Foto: Klische*esc e.V.

Denn schließlich treffen ausschließlich Mütter die Kaufentscheidung bei allem, was Haushalt und Kinder betrifft – oder?
Der Blick auf die Gleichstellungsstatistiken verrät, dass das in Deutschland (noch) zutrifft. Außerdem gilt Care-Arbeit als „Frauenarbeit“, sie wird überwiegend von Frauen übernommen (siehe unser Vereinsprojekt ‚Equal Care Day‘ zum Thema Gender Care Gap), was aber nicht heißt, dass das gut und richtig ist und so bleiben sollte. Marketing, das sich explizit an Mütter wendet, hat mehrere negative Effekte:

Das Mutti-Siegel schließt aus und erzeugt eine unrealistische Erwartungshaltung

Zum einen schließt es Eltern aus, die keine Mütter sind, sich aber ebenfalls um Kinder und Haushalt sorgen und das Beste für die lieben Kleinen kaufen möchten.

Zum anderen suggeriert es, dass es immer und überall die Mütter sind, die am besten wissen, was gut für die Familie ist, und das wiederum erhöht den Druck auf Mütter, einem bestimmten Bild zu entsprechen: Sich mit einem Lächeln für die Familien aufzuopfern, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, nichts einzufordern, von Luft, Liebe und kaltem Kaffee zu leben, keine Ansprüche zu haben, und am Ende auch wirklich und unbedingt das Beste für die Familie getan zu haben.

Jede Abweichung von der Perfektion ist ihr Versagen.

Die Arbeitskraft von jemandem, der das glaubt und diese Rollenerwartung hat, ist leicht auszubeuten. So schuften viele Mütter bis an den Rand der Erschöpfung und fühlen sich unzulänglich, wenn sie einmal nicht verstehen, was das Baby gerade braucht und warum es schreit. Die Schuld für Ermüdung und Überforderung wird dann zur Krönung ebenfalls wieder bei der Frau selbst gesucht, weshalb sie möglichst lange schweigt statt Hilfe zu beanspruchen.

Dabei ist es für Mütter wie auch für andere Elternteile vollkommen normal, nicht alles zu wissen. Es ist normal, Grenzen zu haben. DAS wurde wirklich von Müttern getestet und alle Elternteile können und wollen das bestätigen. 

Wie wäre es mit „Von Eltern getestet“?

Deswegen: schafft das „Mutti-Siegel“ ab! Macht, wenn ihr unbedingt wollt, ein „Eltern-Siegel“ draus. Das erweitert gleich die Zielgruppe, denn auch wenn es noch nicht alle mitbekommen haben – auch Väter und andere Elternteile gehen für die Familie einkaufen.

(jl)

 

Hier unsere laufend aktualisierte Liste mit Mutti-Siegel-Produkten:

 

Foto: (c) Vario Color GmbH / Screenshot Klische*esc e.V.

Produkt: Malseife von Valino

Siegel: „Muttis Liebling“

Hersteller:in: Vario Color GmbH

Ein Wink mit dem Zaunpfahl nach Mügeln!

23.10.2020

 

Foto: Klische*esc e.V.

Produkt: Waschmittelreihe Sensitiv von Lenor

Siegel: „Von Müttern getestet“

Hersteller:in: Procter&Gamble

Ein Wink mit dem Zaunpfahl nach Schwalbach am Taunus!

23.10.2020

Sagrotanwerbung "geheimnisse von mutter zu mutter"

 

Foto: (c) RB Hygiene / Screenshot: Klische*es e.V.

Produkt: Sagrotan Desinfektionsmittel

Siegel: „Von Mutter zu Mutter“

Hersteller: RB Hygiene Home Deutschland GmbH

Ein Wink mit dem Zaunpfahl nach Heidelberg!

13.04.2020