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Lampenfieber, Live-Voting und die Hoffnung auf ein besseres Morgen

klische*esc Mitglieder auf der re:publica v.l.n.r Clemens, Konstanze, Sascha, Sophie & Corinna
klische*esc Mitglieder auf der re:publica v.l.n.r Clemens, Konstanze, Sascha, Sophie & Corinna

Als wir vor dem Veranstaltungsraum stehen, versuchen wir, nicht auf die Uhr zu schauen.

Es ist der letzte Tag der re:publica 2026, dem Festival für digitale Gesellschaft. Drei Tage voller Vorträge, Diskussionen und Begegnungen liegen hinter den Besucher*innen. Auf dem Gelände rollen bereits die ersten Koffer Richtung Ausgang. Manche machen sich auf den Weg zum Bahnhof, andere suchen noch einen Kaffee für die Heimreise.

Und wir?

Wir vom Team des Goldenen Zaunpfahls fragen uns, ob gleich überhaupt jemand durch diese Tür kommen wird.

In wenigen Minuten beginnt unsere Session. Wir wollen mit dem Publikum über Geschlechterstereotype, Klischees und diskriminierendes Marketing sprechen. Über Produkte, die Frauen und Männer in Schubladen stecken. Über Werbung, die Rollenbilder reproduziert, die viele längst überwunden glaubten.

Aber interessiert das am Ende eines langen Festivalprogramms überhaupt noch jemanden?

Dann öffnet sich die Tür.

Und plötzlich füllt sich der Raum.

Menschen strömen hinein, füllen den Raum bis auf den letzten Platz und zücken ihre Smartphones für das Live-Voting. Wo eben noch Leere und Unsicherheit war, entsteht nun Energie.

Clemens, Sascha, Sophie und Konstanze auf der Bühne beim Live Voting
Clemens, Sascha, Sophie und Konstanze auf der Bühne beim Live Voting

Denn statt eines klassischen Vortrags haben wir etwas mitgebracht, das viele sofort abholt: Gemeinsam bewerten wir Werbekampagnen und Produkte. „Geht klar“ oder „absolut daneben“? Das Publikum entscheidet.

Manchmal fällt das Urteil eindeutig aus. Manchmal gehen die Meinungen überraschend weit auseinander. Genau dort wird es spannend.

Denn hinter den Beispielen verbergen sich größere Fragen: Warum erscheinen manche Klischees immer noch selbstverständlich? Weshalb werden Produkte noch immer für „echte Kerle“ oder „zarte Ladys“ vermarktet? Und was passiert, wenn wir anfangen, diese Botschaften bewusst wahrzunehmen?

Zu jeder Kampagne erzählen wir Geschichten aus zehn Jahren Goldener Zaunpfahl. Von Einsendungen aus unserer Community. Von Männern, denen erst Heiligabend auffallen darf, das Weihnachten vor der Tür steht (siehe tesa), von normschönen Frauen, die andere für Zuckerkonsum verurteilen (siehe Deit), und achtjährigen Mädchen, die schon früh lernen müssen, dass sie möglicherweise allein aufgrund ihres Geschlechts eine Zumutung für die Gesellschaft werden könnten (siehe CD). CD gewinnt mit dieser Gruseligkeit, die unter dem Namen “Mein erstes Deo” firmiert, auch direkt den Goldenen Zaunpfahl der re:publica. Dieses Lowlight bildet gleichsam den Abschluss unseres Votings. 

Während der gesamten re:publica laden wir Besucher*innen außerdem dazu ein, beim „Gender Caching“ versteckten Sexismus auf dem Festivalgelände zu entdecken. Über Plakate und QR-Codes führt der Weg durch zehn Jahre Zaunpfahl-Geschichte – von der Pink Tax bis zu „Männerpflanzen“. Wer die Motive findet, landet direkt in unserem digitalen Gruselkabinett und kann nachvollziehen, warum scheinbar kleine Botschaften oft Teil größerer stereotyper Muster sind.

Sascha und Clemens hängen eines der Gender Caching Plakate auf dem Veranstaltungsgelände der re:publica auf
Sascha und Clemens hängen eines der Gender Caching Plakate auf dem Veranstaltungsgelände der re:publica auf

Als wir die re:publica schließlich verlassen, nehmen wir mehr mit als einen gut gefüllten Veranstaltungsraum.

Wir nehmen die Bestätigung mit, dass Geschlechtergerechtigkeit kein Nischenthema ist. Dass Menschen bereit sind, genauer hinzuschauen. Und dass die Diskussion darüber, wie wir miteinander leben und kommunizieren wollen, noch lange nicht beendet ist. Dass sich unsere Arbeit an dem Thema immer wieder lohnt. 

Zum Glück.