Zum Inhalt springen

Dr. Oetker und die Schwiegermutter: Eine Endlosschleife aus den 1950ern

Da dachten wir, die Werbewelt sei inzwischen ein paar Schritte weiter. Doch Dr. Oetker zeigt mit seinem aktuellen Spot eindrucksvoll, wie hartnäckig sich Rollenklischees halten können – und wie wenig sich seit den berüchtigten Werbungen aus den 1950ern getan hat.

In dem neuen Spot entdeckt eine junge Frau im Kalender den Eintrag „Schwiegermutter 16 Uhr!!!“. Sie wirbelt durch die Wohnung, putzt hektisch, legt Backzutaten bereit – und steckt dann wieder im Homeoffice fest. Als sie kurz vor vier verzweifelt in die Küche rennt, ist der Kuchen natürlich nicht fertig. Doch Rettung naht: Ihr Lebensgefährte kommt mit kleinen Fertigkuchen von Dr. Oetker herein. Und siehe da – plötzlich ist die Welt wieder heil, sie strahlt erleichtert, er ist der Held, die Schwiegermutter kann kommen.

Aufgeschlagener Kalender mit großem Eintrag “Schwiegermutter 16:00!!!”
Screenshot: (c) privat / klische*esc e.V. von Facebook
Frau die sehr schnell die Spülmaschine einräumt
Screenshot: (c) privat / klische*esc e.V. von Facebook
Frau die Backzutaten bereitstellt
Screenshot: (c) privat / klische*esc e.V. von Facebook
Frau die schnell staubsaugend durch die Wohnung läuft
Screenshot: (c) privat / klische*esc e.V. von Facebook
Frau die eine Toilette putzt
Screenshot: (c) privat / klische*esc e.V. von Facebook
Frau mit Headset die im Homeoffice arbeitet
Screenshot: (c) privat / klische*esc e.V. von Facebook
Frau die verzweifelt vor den bereitgestellten Bauzutaten steht
Screenshot: (c) privat / klische*esc e.V. von Facebook
Zwei Fertigkuchenverpackungen werden ihr, von ihrem Mann hingehalten. Sie klatscht vor Begeisterung in die Hände.
Screenshot: (c) privat / klische*esc e.V. von Facebook
Mann und Frau freuen sich über den angerichteten Kuchenteller, während im Hintergrund die Türklingel läutet.
Screenshot: (c) privat / klische*esc e.V. von Facebook
Screenshot: (c) privat / klische*esc e.V. von Facebook

Wo fangen wir an?

  • Warum steht der Termin mit drei !!! in ihrem Kalender?
  • Warum trägt sie allein die Verantwortung für Besuch, Haushalt und Kuchen – obwohl ihr Partner offensichtlich zugegen ist?
  • Warum ist es undenkbar, die Wohnung auch mal ungeputzt und den Tisch ohne Torte anzubieten?
  • Und warum, um Himmels willen, wird am Ende er als Retter gefeiert, nur weil er Fertigkuchen aus der Packung zaubert?

Almut hat in ihrem Blogbeitrag so treffend beschrieben, wie diese Art Werbung Frauen weiterhin in die Rolle der Hauptverantwortlichen für „Heim und Herd“ drängt – und Männer mit minimalem Einsatz glänzen dürfen. Es ist das alte Muster: Sie arbeitet sich auf, er rettet die Situation mit einer Geste, die weder Aufwand noch echte Verantwortung beinhaltet.

Hinzu kommt die altbekannte Dämonisierung der Schwiegermutter. Auch das ist kein harmloser Witz, sondern Ausdruck einer weiter internalisierten Misogynie: Statt Solidarität unter Frauen zu betonen, wird die ältere Frau zur drohenden Instanz stilisiert, vor der die jüngere um Anerkennung buhlen muss. So werden Frauen in Konkurrenz zueinander gesetzt – während der Sohn (und Partner) sich elegant aus der Verantwortung stiehlt.

Nun könnte man sagen: Oetker hat ja immerhin schon selbstkritisch reagiert. In der Rückmeldung zu einem kritischen LinkedIn Post hieß es, man sei „nachdenklich“ und wolle in Zukunft sensibler mit Rollenbildern umgehen. Klingt gut – aber die Praxis sieht eben noch anders aus. Dass man im Jahr 2025 immer noch denselben Plot erzählt wie in der Nachkriegszeit, macht es schwer, diesen Vorsatz ernst zu nehmen. Ein Blick zurück ins Oetker-Archiv zeigt den Spot von 1954, in dem schon damals der Besuch der (Schwieger-)mutter als drohendes Damoklesschwert inszeniert wurde und Dr. Oetker zum Retter der Hausfrau wurde. Der Subtext ist identisch geblieben.

Kommentar von Dr.Oetker bei LinkedIn: “Danke für das ehrliche Feedback zu unserem Reel. Auch wenn die Intention hinter dem Film eine satirische Überzeichnung war, erkennen wir, dass die dargestellten Bilder und Botschaften nicht dem heutigen und auch nicht unserem gesellschaftlichen Bewusstsein entsprechen. Unser Anspruch ist es, Inhalte zu schaffen, die Genuss vermitteln und es soll Spaß machen sie anzuschauen. Dass das Reel bei vielen einen gegenteiligen Eindruck hinterlassen hat, bedauern wir sehr. Es lag und liegt uns fern, stereotype oder überholte Rollenbilder zu reproduzieren. Wir nehmen diese Rückmeldungen sehr ernst und sehen sie als wichtige Chance, unsere Kommunikation weiterzuentwickeln.”

Ob die aktuelle Nachdenklichkeit im Hause Oetker diesmal wirklich zu Veränderungen führt? Wir sind gespannt. Es bleibt abzuwarten, ob nicht nur Backwerk stetig im neuen Gewand kommt, sondern zur Abwechslung auch mal geschlechtliche Rollenbilder.

Mittlerweile hat Dr. Oetker das Original-Video von den sozialen Kanälen gelöscht. Zum Zweck des vollständigen Überblicks über die Nominierten für den Goldenen Zaunpfahl 2025 findet sich das Video nun an dieser Stelle. klische*esc e. V. besitzt keine Rechte an dem gezeigten Material.© Dr. Oetker

Das ist gruselig, denn:

  • Das Produkt* richtet sich nur an ein (binäres) Geschlecht: Es schließt durch seine Gestaltung – z.B. durch die Verwendung bestimmter Farben (vgl. Rosa-Hellblau-Falle), Symbole, Aufschriften – oder auf andere Weise explizit oder implizit Menschen auf Grundlage ihrer Geschlechteridentität vom Kauf oder der Nutzung aus.
  • Die Werbung / Verpackung legt den Fokus auf stereotyp zugewiesene Eigenschaften einer Zielgruppe und legt damit fest, für wen das Produkt angeblich produziert wurde.
  • Das Produkt / die Werbung reduziert Personen auf ihre klischeehaft dargestellte Geschlechtszugehörigkeit und / oder reproduziert stereotype Geschlechterrollen.
  • Es werden Unterschiede zwischen den Interessen / Vorlieben der Geschlechter betont oder konstruiert.
  • Mädchen / Frauen und Jungen / Männer werden in hierarchischer Beziehung zueinander dargestellt.
  • Es besteht ein deutliches Ungleichgewicht in der Anzahl der abgebildeten (oder genannten) Frauen und Männer.
  • Das Geschlecht einer Person wird ohne Bezug zum Produkt besonders hervorgehoben und betont.
  • Das Produkt wird zwar als unisex-Produkt angeboten, enthält aber trotzdem eine implizite Geschlechtszuordnung.
  • Die Produktbeschreibung / die Werbung ist nicht geschlechtergerecht formuliert.
  • Das Produkt wird mit „Gender Pricing“ / „Pink Tax“ verkauft, d.h. die an Frauen gerichtete Version ist teurer.

Ein Wink mit dem Zaunpfahl geht nach Bielefeld und ein herzlicher Dank für die Einreichung an Almut 😉

(SL)

Das könnte Dich auch interessieren:

Frauen beißen in eine Mini-Pizza
Die Minipizza für die Frau
„Intermezzo“ heißt die Minipizza-Version von Dr. Oetker, die als „kleine Mahlzeit“...
DfFre3wX4AE_ad_
Back Deinen Mann glücklich…
In fast 65 Jahren kann sich viel verändern…  Manches bleibt leider wie es war: Dr.Oetker 1954: „Eine...
Ältere Frau putzt ihre Bühne, das Esszimmer
Putzen ist ihre Bühne
Kärcher betitelt das Bild einer älteren Frau, die putzend mit Haushaltsgerät im Wohnzimmer posiert, mit...