Zu elegant für männliche Hunde

Ein Hund ist des Menschen bester Freund, oder so ähnlich. Warum also nicht auch das Beste aus den Abgründen des Gendermarketings mit ihnen teilen?

Eine auf den ersten Blick zurückhaltend anmutende Anzeige im DOGS Magazin zeigt eine geflochtene Hundeleine. Das ungeübte Auge kann sich das schlichte hellbraune Leder passend zu vielen Hunderassen und Fellfarben vorstellen. Doch diese Qualität scheint der Anzeigetext vollkommen zu übersehen, da er sich sogleich auf die weit hergeholte und unpassende Assoziation einer “Lady in Leder” stürzt. Inwiefern der Produktname “Venezia Natur” dazu passen soll, bleibt unklar. Jedoch spielt fortan der klischee besetzte “Lady”-Part die leitende Rolle im darauf folgenden Beschreibungstext.
Von einer Verwendung für Rüden wird somit sogleich abgeraten, denn das gute Stück sei “fast ein wenig zu schick” für die “tobenden Jungs” – Moment, wir dachten, es geht hier um Hunde?

Geschlechterklischees kennen scheinbar keine Grenzen

Naja, wer hätte auch nicht sofort erkannt, dass dieses “Premiumprodukt” von einer Hundeleine natürlich nur dem weiblichen Hundegeschlecht angelegt werden kann…
Die Verfasser*innen des Textes haben wohl die ein oder andere “tobende” Rüdin noch nicht erlebt. Auch die Möglichkeit, Rüden könnten weitaus mehr als diese beschränkte Charakter Zuweisung besitzen, war in den beiden Schubladen der Marketingabteilung nicht vorhanden. Geschlechterklischees kennen scheinbar keine Grenzen, und werden hier schonungslos auf die nichtsahnenden Vierbeiner projiziert.
Welchen Mode-Status die Leine für den täglichen Ausgang hat, ist (so darf gemutmaßt werden) den flauschigen Gefährten am Ende herzlich egal. Vielmehr wird plump auf die vermeintliche Gender-Versessenheit der Besitzer*innen gesetzt und stereotype Bilder in deren Köpfen gefestigt.

Dabei wollen die Autor*innen des Textes nicht einmal ausschließen, dass die angesprochenen Hundbesitzer*innen fortschrittlicher denken, als sie selbst. In der abschließenden Randnotiz lässt das Marketing dann doch noch eine Hintertür für Rüden besitzende Konsument*innen offen: “[V]iellleicht ist der Hundespielplatz fortschrittlicher, als wir glauben.” Dürfen wir das als Erkennen der eigenen Rückschrittlichkeit verstehen? Und diese Einsicht als ersten Schritt zur Besserung?

“Premium” an diesem Produkt ist allenfalls der Preis von schlappen 130 Euro. Die fürchterlichen Klischees im Beschreibungstext gibt gratis obendrauf. Danke für nichts.

Ein Wink mit dem Zaunpfahl geht nach München zum DOGS Magazin,
und ein herzlicher Dank für die Einreichung für den Goldenen Zaunpfahl 2021 an @eine_paedagogin.

(AK)

VÖ-Jahr: 2020

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