Das ZDF lässt schwulen- und frauenfeindliche Botschaften im Programm – Offener Brief, zweiter Teil

Nachdem unserer offener Brief an das ZDF vom 13.09.2021 dem Intendanten zur Prüfung vorlag, haben wir mittlerweile eine ernüchternde Rückmeldung erhalten.

Während einige Medien, u.a. Der Freitag, Die Süddeutsche Zeitung , queer.de , t3n unseren Unmut teilen, wenn auch mit teilweise anderen Lösungen, so hat sich der Intendant des ZDF, Dr. Thomas Bellut, für die wohl einfachste Reaktion entschieden und gar nichts gemacht.

Die Folgen sind nach wie vor in der Mediathek verfügbar. Das ZDF entscheidet sich also bewusst dafür, weiterhin ungefiltert Geschlechterrollen-Klischees zu bedienen, Bilder toxischer Männlichkeit zu reproduzieren und schwulen- sowie frauenfeindliche Botschaften zu verbreiten.

Ja, wir haben eine Antwort erhalten und sicherlich mussten sich auch einige Personen mit dem Thema beschäftigten, dennoch fehlt uns in der Antwort Authentizität. Wir glauben schlichtweg nicht, dass unsere Kritik verstanden wurde. Das ist nicht verwunderlich. Kritik stößt häufig auf eine abwehrende Reaktion, Rechtfertigungen und halbgare Entschuldigungen, um das Gesicht zu wahren. Warum die Entschuldigung des ZDF, die wir als  Antwort auf unseren Brief erhalten haben, keine ist, erklären wir daher im Folgenden genauer:

Der Brief beginnt mit einer Zusammenfassung dessen, was geschehen ist. Bereits hier wird nicht auf unsere Forderung eingegangen, sondern darauf, dass wir die  Geschlechterrollen-Klischees, Bilder toxischer Männlichkeit und schwulenfeindliche* Botschaften innerhalb der Serie „das Zockerhaus“ kritisiert haben.

Es folgt eine Einordnung der Serie, die impliziert, dass eben diese Zielgruppe (10- bis 13-jähriger Jungen) solche Inhalte erwartet. Sind jetzt etwa die Kinder Schuld? Das erinnert uns stark an die Aussage „Wir reproduzieren keine Geschlechterklischees, wir reagieren nur auf Wünsche der KonsumentInnen“ aus unserem Bullshitbingo (https://goldener-zaunpfahl.de/faqs/). Damit entzieht sich das ZDF klar seiner Verantwortung.

Im Brief heißt es weiter: „Dieses Element [Bestrafung] steht bei der anvisierten Zielgruppe für humorvolle Herausforderungen. Der Begriff der „Bestrafung“ ist dabei als Synonym für „Herausforderungen“ in der Zielgruppe auf Social Media bekannt und beliebt, auch wenn der Begriff abseits der Zielgruppe anders konnotiert ist.“

Wir sind also zu alt, um das Geschehen richtig einordnen zu können. Wo die Kenntnis darüber herkommt, dass „Bestrafung“ bei der Zielgruppe als „humorvolle Herausforderung“ verstanden wird, wird uns nicht erläutert. Wir finden das auch höchst nebensächlich. Denn egal, wie diese Aufgaben bezeichnet werden: Sie sind nach wie vor schwulen- und frauenfeindlich. 

Diese Erklärung weicht also vollkommen von unserer Kritik ab und erneut entzieht sich das ZDF seiner Verantwortung in dem es Wortklauberei betreibt. Zudem trifft es bewusst die Entscheidung den Begriff weiter zu etablieren, obwohl auch zu erwarten ist, dass andere Zuschauende auf die Serie zugreifen und die Umdeutung eben nicht so wahrnehmen, wie beschrieben.

Nicht so gemeint

Mit einem „es war nicht so gemeint“ oder „das war nicht unsere Intension“, wird die Verantwortung auf den*die Rezipient*in geschoben. Die anderen, also wir, würden die Aussage nicht richtig verstehen. Wir müssten uns also mehr Mühe geben.

Nein! Insbesondere von Diskriminierung betroffene Menschen sollten sich nicht mehr Mühe geben müssen, diskriminierendes Verhalten „richtig“ einzuordnen. Unsere Gesellschaft muss sich mehr Mühe geben, Diskriminierung nicht zu reproduzieren!

Und ja, das ist Arbeit und es ist auch nicht angenehm auf diskriminierendes Verhalten hingewiesen zu werden, das ändert aber nichts daran, dass jede*r selbst die Verantwortung für dieses Verhalten tragen muss und im Zusammenhang mit der Serie „das Zockerhaus“, ist das nunmal das ZDF und nicht die Zielgruppe oder die Zuschauenden oder die Kritiker*innen.

Das genau das noch nicht angekommen ist, zeigt die weitere Rechtfertigung und Einordnung der Serie. Es heißt: „Intendiert waren Aktionen, die für die Mehrheit der Jungen in diesem Alter nicht in ihren Alltagsroutinen vorkommen.“ Damit wird erneut an Rollenklischees festgehalten, die es aufzubrechen gilt. Wie sollen sich nun Jungen fühlen, die sich gerne die Fingernägel lackieren (würden)? Sie werden genau durch Serien wie das Zockerhaus anders gemacht und als „nicht der Norm entsprechend“ ausgegrenzt. Das ist immer noch diskriminierend!

Und warum ist es so, dass junge Menschen Dinge, die fälschlicher (!) Weise einem anderen Geschlecht zugeordnet werden, nicht machen? Weil genau solche Serien dazu beitragen, dass die Entfaltung der Kinder eingeschränkt wird und sie schon früh lernen, sich einem von außen, künstlich geschaffenen Rollenbild zu unterwerfen, denn wenn nicht, wird man sich über sie lustig machen, genauso, wie es in der Serie reproduziert wird.

Wir distanzieren uns

Der Brief zeigt eindeutig  dass weder unsere Kritik Ernst genommen wurde, noch, dass der Kern unserer Kritik verstanden wurde. Da reicht es absolut nicht, zu schreiben, dass das alles nicht beabsichtigt war und dass es bedauert wird, dass diese „Spielräume für eine andere Wahrnehmung“ vorhanden wären. Denn nach wie vor steht die Serie online zur Verfügung ohne Vermerk auf die diskriminierenden Inhalte und in der Antwort wird keinerlei Ausblick auf eine konstruktive und öffentliche Auseinandersetzung mit diesen Inhalten gegeben. Damit widerspricht Herr Dr. Bellut seinem eigens formulierten Statement: „Es liegt uns fern, Diskriminierung, Sexismus und Homophobie zu reproduzieren und zu legitimieren…“

Denn das tut das ZDF durch die Online-Verfügbarkeit der Serie weiterhin.

Danke, für gar nichts

Es folgt eine abschließende Formulierung, die wir wahrscheinlich von jedem x-beliebigen Medienhaus erhalten hätten. Man bedanke sich für die Kritik und hoffe darauf, dass wir dem ZDF weiterhin als „kritische Zuschauer“ erhalten bleiben.

Wir sagen danke für gar nichts und möchten nochmals auf den aus Art. 5, Abs. 1, Satz 2 des Grundgesetzes abgeleiteten Bildungsauftrag einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt sowie die eigenen Richtlinien des ZDF zum Jugendmedienschutz und zur Gleichstellung der Geschlechter hinweisen. Wir fordern nach wie vor die Serie aus dem Programm zu nehmen und aus den Online-Angeboten des ZDF zu löschen.

*der Zusatz „frauenfeindlich“ wurde unsererseits erst im Nachhinein auf Grund berechtigter Kritik aus den Medien zugefügt und stand nicht im offenen Brief an das ZDF