Laudatio

Laudatio – Goldener Zaunpfahl 2018

Preisträger: KOSMOS Verlag – Barbie-Experimentierbaukasten

Anke Domscheit-Berg

18. April 2018

Screenshot Internetseite Kosmos

Als die ersten Sitzgurte in Autos eingesetzt wurden, stellte man schnell fest, dass sie Frauen häufiger verletzten. Man hatte nicht daran gedacht, dass Frauen Brüste haben und schwanger werden. Frühe Spracherkennungssoftware konnte Frauenstimmen einfach nicht verstehen, denn man hatte sie nur mit männlichen Stimmen trainiert. Wer Siri bei Herzschmerzen um Rat fragte, bekam viele Hinweise auf ärztliche Angebote in der Nähe. Wenn eine Frau Siri nach häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung um Rat fragte, blieb die Handyassistentin stumm und wusste keine Antwort. Als die erste Version der Apple Gesundheits-App auf den Markt kam, guckten 50% der Kunden verdutzt, denn die Entwickler hatten vergessen, dass Frauen menstruieren und dass ihr Zyklus mit ihrer Gesundheit zu tun hat.

Diese Liste epischen Versagens in der Entwicklung neuer Produkte und Dienste ließe sich noch lange fortsetzen und hat viel damit zu tun, dass immer noch in den Entwicklungsabteilungen vieler Unternehmen vor allem Männer arbeiten, deren Erfahrungshorizont überdurchschnittlich homogen ist. Wir leben längst in einer von Technik geprägten Gesellschaft, in der es selbstverständlich darauf ankommt, WER sie gestaltet, mit welchen Interessen, Bezugspunkten und Prioritäten Entscheidungen getroffen werden – über Investitionen, Features oder Werbung. Es geht daher um mehr, als nur um individuelle Entscheidungen junger Menschen, wenn sie überlegen, welchen beruflichen Weg sie künftig einschlagen wollen. Es geht um uns alle, um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und wer ein Mitspracherecht bei ihrer Gestaltung hat. Das betrifft selbstverständlich nicht nur die Vielfalt der Geschlechter, aber eben auch. Es betrifft auch nicht nur die Wirtschaft.

Als Netzpolitikerin befasse ich mich z.B. viel mit ethischen Fragen technischer Entwicklungen, mit autonomen Waffensystemen, Sexrobotern oder Überwachungssoftware. Ich habe zu tun mit diskriminierenden Algorithmen und mit sozialen Fragen, wenn Millionen Arbeitsplätze wegfallen oder sich verändern. Als Politikerin stimme ich auch ab über das Informationsverbot für Schwangerschaftsabbrüche oder zur Entgeltgleichheit für Männer und Frauen aber wenn ich mich umgucke im Bundestag, sehe ich mich von 70% Männern umgeben, dem höchsten Männeranteil seit 20 Jahren. Es ist auch dort nicht egal, wer Entscheidungen über unser aller Lebenswirklichkeit trifft, das erlebe ich Tag für Tag.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir gerade jungen Menschen den Weg ebnen, ihre Interessen und Talente zu entwickeln, egal in welchen Bereichen sie liegen. Es ist fahrlässig und verantwortungslos, wenn Unternehmen immer noch Rollenstereotype vermarkten, die Männer und Frauen in Schubladen stecken und ihnen von vorneherein bestimmte Tätigkeitsfelder und Kompetenzen zuschreiben. Es gibt sie, die großartigen Angebote, die Kindern das Entdecken und Experimentieren mit Naturwissenschaft und Technik ermöglichen – unabhängig von ihrem Geschlecht. Es gibt gleichzeitig Unmengen an Spielzeug, das ausschließlich alte Rollenmuster bedient, und Mädchen einen Berg Prinzessinnen, Einhörner und Feen vorsetzt und Jungs die dunkelbunten Monster und Technikbaukästen. Und dann gibt es da die Produkte, die es vielleicht gut meinen, die aber in ihrem Ansatz, Mädchen für Technik zu interessieren, völlig daneben liegen, und wie unser diesjähriger Preisträger, der Barbie Experimentierbaukasten vom KOSMOS-Verlag zeigen, dass sie einfach nichts verstanden haben.

Wie aufgeklärt ist jemand, dem als Antwort auf die Frage, wie man mehr Mädchen für Technik begeistern kann, ausgerechnet die Stichworte Barbie und Waschmaschine einfallen? „Reizvolle Experimente – eingebettet in die Barbie-Rollenspielwelt“ heißt es auf der KOSMOS Website, 7 Dinge kann man mit dem Zubehör bauen, es ist eine Liste des Horrors: ein drehbarer Kleiderständer, eine Waschmaschine, ein rotierendes Schuhregal, ein Schmuckkarussel und eine Designerplattform – die ein Gestell ist, auf das man eines der 3 Kleider aus dem Zubehör hängen und drehen kann, und zur Abwechslung ein Gewächshaus und eine Hängematte. Versprochen wird „Bauspaß“ aus über 100 Bauteilen, sie sind schön eintönig weiß und rosa. Die Begleittexte machen es noch schlimmer, da schlägt Barbie vor, die Laborkittel zu verschönern, weil man damit in der nächsten Chemiestunde auffallen kann. Wozu braucht es schon Chemiekompetenz, wenn man auch mit bunten Kitteln Eindruck schinden kann?

Mit dieser stereotypen Vorstellung davon, womit sich Mädchen befassen sollten, nämlich mit Haushalt und Hübschsein, selbst wenn es um Chemieunterricht oder Technik geht, hat sich der KOSMOS-Verlag den Goldenen Zaunpfahl redlich verdient. Durch und durch stereotyp ist sein Produkt. So wird darauf angepriesen, dass man die „tollen Modelle“ über einen Adapter mit einem sogenannten „intelligenten Möbelstück“ aus der „Barbie-Traumvilla“ verbinden kann, die ebenfalls in weiß und rosa gestaltet ist, wie eine süße Cremetorte. Intelligent ist an dem Möbelstück nichts, es ist ein rosafarbener Kasten mit einer simplen Steckverbindung. Warum der Kasten überhaupt Experimentierkasten heißt, bleibt ein Rätsel. Die dazugehörige Barbiepuppe trägt zwar immerhin nicht Bikini sondern Hose und Laborkittel, in der Hand ein Mikroskop und auf den Augen eine Schutzbrille, aber zum Vorbild für die kleinen Nutzerinnen des Experimentierkastens wird sie nicht, denn in groß gibt es im Kasten weder Mikroskop noch Schutzbrille und das einzige Laborzubehör sind ein Reagenzröhrchen aus Plastik und eine Pipette. Man kann damit ein weißes Blümchen bunt färben, etwas spärlich für einen „Experimentierkasten“. Er bleibt ein vollständiger Schuss in den Ofen, völlig ungeeignet, Rollenstereotype aufzubrechen und Mädchen für Technik zu begeistern. So bleiben ihre Talente unterentwickelt, ihre Berufswahl erweitert sich nicht, und auch künftig wird es mangels Vielfalt in technischen Entwicklungsabteilungen Produkte geben, die an der Lebenswirklichkeit von Frauen vorbei gehen, werden weiter einseitige Entscheidungen von viel zu homogenen Gruppen getroffen, werden Frauen weiter in Frauenbranchen arbeiten und dafür lebenslang schlechter bezahlt werden.

Das Produkt tappt tief in die Falle des Gendermarketings, das für Mädchen die Farbe rosa vorsieht und sie auf Gefallsucht, Modekonsum und Haushalt reduziert und hat damit die Jury überzeugt. Wir hoffen sehr, dass der KOSMOS-Verlag den Wink mit dem Goldenen Zaunpfahl versteht, ernst nimmt und künftig intelligentere Produkte entwickelt und vermarktet. Wir hoffen auch, dass andere Unternehmen sich das Fallbeispiel eines gescheiterten Versuchs genau anschauen, um ähnliche Fehltritte zu vermeiden.

 

 

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