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Laudatio zum Goldenen Zaunpfahl 2022

von Eva, Josie und Jonas - Schüler und Schülerinnen der IGS Zetel

Jonas:
Neulich im Sportunterricht habe ich gehört, wie ein Junge einem anderen Jungen während des Basketballspieles zugerufen hat „Ey, du Opfer, du wirfst wie ein Mädchen.“

Josie:
Dann auf dem Schulhof habe ich gehört, wie schick gestylte Mädchen über eine Klassenkameradin tuschelten: „Dieses Mannsweib kriegt nie einen ab.“ Und das ist noch harmlos im Vergleich zu den Beschimpfungen, die ein Junge erfahren musste, der Springreiten macht und Kajal trägt oder ein Mädchen, das sich traute mit Tarnfleckklamotten und Kurzhaarfrisur zum Unterricht zu gehen.

Eva:
Was glauben Sie, was diese Äußerungen von Mitschüler*innen mit einem machen, selbst wenn sie nicht an einen selbst adressiert sind? Ich sag es Ihnen. Sie tun denen, die sie hören, weh. Sie führen zu Wut, Traurigkeit und Scham. Und dazu, dass man sich „falsch“ fühlt und sich eine Performance antrainiert, die einen unauffällig macht. Denn wer nicht auffällt, wird nicht zum Opfer.

Doing Gender – wir lernen in der Schule über Menschenrechte, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sein sollen, haben den Boys und Girls-Day, damit wir wissen, dass wir auch Mechatronikerin oder Krankenpfleger werden können, diskutieren über den Gender-Pay-Gap, verfolgen die mutige Revolution der Frauen im Iran. Echt fortschrittlich. Widersprüchlicher Weise lernen wir aber auch, wie ein „richtiger“ Junge und ein „richtiges“ Mädchen zu sein hat. Im Gang, der Art Gesten zu verwenden, zu Lächeln, sich zu kleiden und Hobbies zu haben.

Jonas:
Schule ist ein Spiegel unserer Gesellschaft im Kleinen – ein Mikrokosmos, der existierende Rollenklischees aufzeigt und diese selbst reproduziert. Hier lernt man, wie ein „richtiges Mädchen“ und ein „richtiger Junge“ zu sein hat und hier spürt man gnadenlos, was die Gesellschaft von all den Menschen hält, die sich nicht in dieses heteronormative Korsett zwängen lassen. Ein Ort, der für Kinder und Jugendliche dann zu einem schmerzhaften Alptraum aus Ablehnung, Diskriminierung und Hasskommentaren werden kann.

Josie:
Die Schule ist ein Ort, an dem wir unsere Persönlichkeit entfalten sollen, unsere Stärken entdecken, Visionen entwickeln, um diese Welt, unserer aller Zukunft mitzugestalten. Statt mit unseren Stärken, werden wir aber mit unseren vermeintlichen „Schwächen“ konfrontiert, Schwächen die keine sind, sondern nur eine Botschaft unserer Gesellschaft über das, was als richtig und falsch, anders oder typisch gilt – „du wirfst wie ein Mädchen?“ – Was lerne ich also durch diese Botschaft?

Eva:
Aber nicht nur Schule reproduziert Rollenklischees und die Erwartungen an ein bestimmtes gewünschtes oder unerwünschtes Verhalten, die damit verbunden sind, sondern eben auch Werbung, Computerspiele, Soziale Medien, Filme und Bücher – eben alles, was uns beim Heranwachsen täglich begleitet und unseren Lebensweg mitbestimmt.

Im Rahmen einer AG zu Gendermarketing, haben wir uns mit dem Gruselkabinett der absurdesten medial vermittelten Botschaften beschäftigt. Sie zeigen oft dasselbe Bild. Die Welt der Jugendlichen wird in rosa und blau, Mädchen und Junge eingeteilt.
Ich bin mit Bibi & Tina aufgewachsen. Ich habe die Hörspiele gehört, die Filme gesehen, die Lieder gemeinsam mit meinen Freund*innen mitgeträllert. Ich mochte Bibis selbstbewusste und freche Art. Sie ist sehr mutig, aber es ist auch einfach, mutig zu sein, wenn man hexen kann. Aber anstatt mit dem unermüdlichen Einsatz der Protagonist*innen für Gerechtigkeit zu werben, bedient sich der Hersteller des Spieles „Bibi und Tina“ einem einfachen Klischee. Mädchen reiten, am liebsten, mit rosa Schleifen im Haar. Deshalb ist Bibi und Tina ist ein würdiger Preisträger für den „Goldenen Zaunpfahl 2022“.

(c) Bild: Blue Ocean Entertainment AG, Screenshot: klische*esc e.V.
(c) Bild: Blue Ocean Entertainment AG, Screenshot: klische*esc e.V.
Screenshot aus einem Bibi & Tina Tabletspiel: Der Hintergrund zeigt eine Reiterhof-Szenerie, im Vordergrund stehen zwei gezeichnete Charaktere. Rechts ist Bibi Blocksberg aus “Bibi und Tina”, links der Spieleravatar, ein weiblich gelesener Charakter mit langem braunen Pferdeschwanz, schwarzem Cappy, lila Ringel-T-Shirt und blauer Reithose. Darüber ist eine Sprechblase, die mit dem Namen “Jonas” markiert ist und auf den Spielercharakter zeigt.
(c) Bild: Blue Ocean Entertainment AG, Screenshot: klische*esc e.V.

Jonas:
Worum geht es da? Das Spiel ist einfach erklärt. Gamer können ein Pferd striegeln, füttern, ausreiten und pflegen. Konsequenter Weise könnte man meinen, für das Spielgeschehen selbst ist es völlig egal, ob die Figur männlich oder weiblich ist…. Wenn Mensch Pferde mag, mag Mensch Pferde und all das Hufekratzen, Gestriegel und Geschniegel, was dazu gehört.

Eva:
Deshalb überrascht es uns, dass der Hersteller nur weibliche Spielfiguren vorsieht. Die Festlegung der Spielfiguren durch den Hersteller legt die Genderperformance auf eine bestimmte Verhaltenserwartung fest. Mädchen und nur Mädchen mögen Pferde und schauen Bibi und Tina. Die Interessen, Wünsche, Bedürfnisse oder Handlungsweisen von „Mädchen“ werden vereinheitlicht und Jungen entgegengestellt. Denn eine männliche Spielfigur kann man nicht auswählen. Auf die Nachfrage einer Mutter des kleinen Jungen, der als großer Bibi und Tina Fan traurig darüber war, antwortete der Hersteller kurz und lapidar: Jungen seien keine Zielgruppe.

Und schon sind wir wieder auf dem Schulhof: Welche Erfahrungen macht Anton, wenn er seinen Freund*innen auf dem Schulhof davon erzählt, dass er sich beim Bibi und Tina-Spiel nicht seinen eigenen Charakter erstellen kann?

Die rosa-lila-Farbkodierung des Spieles rekurriert auf ein „Mädchenspiel“ und wenn Junge „Mädchenspiele“ mag, ist er raus, dann wird er als „Schwuchtel“, bezeichnet, als „Opfer“, als „Mädchen“. Sie erkennen den Kreislauf?

Josie:
Wir Kinder und Jugendlichen werden immer wieder in rosa und blaue Schubladen gesteckt und darin gleich gemacht. Wir sind aber nicht gleich. Wir sind unterschiedlich alt, haben verschiedene Elternhäuser und soziale, religiöse und kulturelle Hintergründe, sind von Rassismus betroffen oder nicht. Wir leben in Großstädten oder im ländlichen Raum, gehen auf verschiedene Schultypen, gestalten unsere Freizeit unterschiedlich, sind unterschiedlich kontaktfreudig, haben verschiedene körperliche und geistige Entwicklungen, haben unterschiedliche Wünsche nach Nähe und Distanz, leben unsere Sexualität anders, gehen gern reiten oder eben nicht, mögen Bibi und Tina.

Jonas:
Wir glauben, dass es sich lohnt, über die unterschiedlichen Geschlechtskonstruktionen und Lebenswirklichkeiten von Kindern und Jugendlichen nachzudenken und sich bewusst zu sein, dass sich nicht alle Kinder in der eindeutigen Gegenüberstellung von Mädchen und Jungen vereindeutigen lassen, wenn man über Zielgruppen nachdenkt. Die Komplexität und Dynamiken dieser Verschränkungen von Merkmalen, die eine Persönlichkeit herausbilden und damit Interessen und Kaufentscheidungen und vor allem auch deren Widersprüchlichkeit gehören zu den schwierigen, aber bewältigbaren Aufgaben eines geschlechterreflektierten Marketings.

Josie:
Wir wünschen uns, dass das Unternehmen geschlechtersensibel agiert und unsere Erfahrungen auf dem Schulhof immer im Hinterkopf hat, wenn es über „Zielgruppen“ nachdenkt.

Eva:
Wir sind jung und neugierig, wissend und reflektiert. Man darf uns etwas mehr Eigenverantwortung bei der Gestaltung und Auswahl unserer Avatare zutrauen. Warum kann man nicht seinen Charakter frei gestalten und so im Spiel auch Stereotype und Rollenklischees ganz einfach selbst umwandeln, wenn es die Erwachsenenwelt schon nicht schafft.

Jonas:
Wir wünschen uns auch, dass Sie, liebe Entwickler*innen, diesen Preis entgegennehmen und zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken. Vielleicht sprechen Sie mal mit ihren Kindern über deren Erfahrungen auf dem Schulhof.

von Eva, Josie und Jonas – Schüler und Schülerinnen der IGS Zetel

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