Kolonialstil: Klebt an diesen Möbeln Blut?

TW: Rassismus, Völkermord

Foto: (c) home24 SE, Screenshot: @klische*esc e.V.

Sicher wollte das Online-Möbelunternehmen home24 mit der Beschreibung seiner Möbel, nicht indirekt auf die gewaltvollen Taten der Kolonialmächte im 19. Jahrhundert hinweisen, sondern bewirken, dass sich die Besitzer*innen ihrer Möbel herrschaftlich und erhaben fühlen. Und genau das ist das Problem.

In der Beschreibung heißt es: „Stilecht – Das Bigsofa Mosambik bringt das Flair kolonialer Zeiten zu lhnen nach Hause“, als wäre dieses Flair positiv. Sich bewusst zu machen, was aus der Sicht einer weißen Person mit dem Begriff „Kolonialstil“ verbunden wird und was Kolonialismus für ein Verbrechen an den Völkern war und ist, zeigt deutlich, wie verzerrt die Geschichte dargestellt und wahrgenommen wird. Es zeigt, wie unbedacht mit dem Begriff “Kolonialstil” in Design und Werbung umgegangen wird und wie fern der Gedanke liegt, dass diese Bezeichnung verletzend und rassistisch ist!

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Die Tatsache, dass der Begriff bei manchem Positives auslöst, belegt, wie wenig Auseinandersetzung mit dem Thema stattfindet. Bereits im Schulunterricht, wird hauptsächlich eine europäische Sichtweise über Kolonialismus gelehrt, Zeit ist für das Thema insgesamt wenig eingeplant. In Baden-Württemberg soll aktuell der Umfang auf 4(!) Unterrichtsstunden erweitert werden (SWR 2). Deutschland bekennt sich mittlerweile zum Völkermord an Herero und Nama. Von 1884 bis 1915 waren die Deutschen Kolonialmacht im heutigen Namibia. Im Herero-und-Nama-Krieg von 1904 bis 1908 wurden Historiker*innen zufolge etwa 65.000 von 80.000 Herero und mindestens 10.000 von 20.000 Nama getötet (Frankfurter Rundschau).

Möchte man sich mit diesem Wissen jetzt noch gemütlich auf ein Sofa oder an einen Esstisch im kolonialen Stil setzen und sich wie ein Kolonialherr (ja, bewusst nur Maskulinum) fühlen?

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Tupoka Ogette, Expertin für Vielfalt und Antidiskriminierung, schreibt in ihrem Buch exit RACISM folgendes: „Rassismus hat das Schicksal ganzer Nationen und Generationen verändert und der heutigen Welt seinen grässlichen Stempel aufgedrückt. Wie können wir annehmen, dass so ein wirkmächtiger Koloss auf einmal nicht mehr existiert? Noch mehr, wie können wir tatsächlich glauben, dass Rassismus als System nicht mehr Teil aller unserer Institutionen, Strukturen und unserer Sozialisation ist? Rassismus ist die Norm und nicht die Ausnahme. Und um ihn zu demontieren, ist es immens wichtig, dass wir dies anerkennen und begreifen.“ (Ogette, Tupoka: exit RACISM. Münster. UNRAST-Verlag. 2017. 9. Auflage, Juli 2020)

Ein Wink mit dem Zaunpfahl geht nach Berlin an home24,

(tl)

E: 04/2021