Sehr geehrte Damen und Herren sowie alle dazwischen und außerhalb,
ich freue mich, dass Sie alle so zahlreich zur Verleihung des goldenen Zaunpfahls in die Distel gekommen sind und bedanke mich für die große Ehre, hier heute als Vertreterin des Deutschen Juristinnenbundes die Laudatio für das Gewinnerprodukt halten zu dürfen. Doch bevor ich verrate, um wen es geht, begeben wir uns erstmal zurück in die Nullerjahre.
Die Ärztin Gabriele Kaczmarczyk arbeitete zu dieser Zeit als Anästhesistin und sie machte eine Beobachtung: es gab immer mal wieder Patientinnen, die sich erinnerten, dass ihnen am Ende einer OP der Beatmungsschlauch aus dem Hals gezogen wurde. Das sollte eigentlich überhaupt nicht möglich sein, die Patientinnen wurden ja schließlich ordnungsgemäß in Abhängigkeit ihrer Größe und ihres Gewichts betäubt. Was diese Patientinnen gemeinsam hatten: Sie waren Frauen.
Die Medizin, wie wir sie heute kennen, ist – wie so vieles – ein männergemachtes System. In den letzten Jahrhunderten waren die Ärzte und Forscher fast ausschließlich Männer. Und als solche interessierten sie sich vor allem für die Körper und die Krankheiten von Männern. Frauen galten lediglich als kleinere, leichtere Männer.
Heutzutage weiß man, dass Frauen gewisse Medikamente anders verstoffwechseln als Männer. Dass Hormone, Gene, sozio-kulturelle und weitere Faktoren Einfluss haben auf die Diagnose und auf die Behandlung von Krankheiten. Bei Frauen bleibt beispielsweise ein Herzinfarkt häufig länger unerkannt, bei Männern bleiben Depressionen häufig länger unerkannt – beides kann im Zweifel tödlich enden. ADHS galt lange als Kleine Jungs-Krankheit – bei Mädchen wird es oft nicht erkannt und auch erwachsene Frauen verlieren häufig wertvolle Jahre auf dem Weg zu einer Diagnose und Behandlung. Und auch beim Thema Endometriose, Verhütung oder Schwangerschaftsabbruch drängen sich mittlerweile eindeutige Beweise auf für die längst erahnte Tatsache: wären Männer davon betroffen, wäre das Problem längst besser erforscht oder gar gelöst. Langsam aber sicher wächst das Bewusstsein, dass eine differenzierte und geschlechtersensible Forschung in der Medizin notwendig ist, um Menschen aller Geschlechter adäquat versorgen zu können.
Meine sehr verehrten Damen und Herren sowie alle dazwischen und außerhalb,
der goldene Zaunpfahl wird ja verliehen, weil wir eigentlich raus wollen aus der Rosa-Hellblau-Falle. Und jetzt erzähle ich Ihnen hier erst mal wieder recht binär von Männern und von Frauen. Wenn wir uns Geschlecht aber vorstellen als ein Spektrum, auf dem Menschen verteilt sind und bei dem es eine Gewisse Ballung gibt im Bereich der „Männer“ und der „Frauen“, dann war es bisher so, dass die Aufmerksamkeit in der Medizin ganz klar bei den Männern lag. Um allen Geschlechtern gerecht zu werden, also auch den Frauen, aber gerade auch den trans, inter und non-binären Personen, braucht es eine Forschung, die geschlechtersensibel differenziert, anstatt zu biologisieren und sich dabei auch noch von sozialen Vorstellungen über geschlechtstypisches Verhalten leiten zu lassen.
Und in diese ganze Gemengelage aus misslichen Zuständen im Bereich der Annahmen über Geschlechter, im Bereich der Medizin und im Bereich der Medikamente kommt nun der Pharmakonzern Sanofi und bringt *endlich* ein Medizinprodukt *extra* für Frauen auf den Markt. Jiei! Nur leider hat dieses Frauenprodukt exakt die gleichen Inhaltsstoffe wie das normale Produkt und kostete erst mal mehr Geld! Was für eine Scheißidee. Danke für Nichts! Bevor wir uns in Ruhe anschauen, was da eigentlich los war, darf ich – erstmal kurz – den Goldenen Zaunpfahl 2024 verleihen – und zwar an Buscopan Plus Pink von Sanofi!
Schauen wir uns nochmal Schritt für Schritt an, wie es dazu kam, dass die Firma Sanofi mit ihrem Produkt Buscopan Plus Pink den Goldenen Zaunpfahl 2024 mehr als verdient hat.
Im Frühjahr diesen Jahres launchte Buscopan den – bis heute einigermaßen kläglichen – Instagram-Account @buscopanpluspink. Dort steht unter dem ersten Post: „Hello world! We are on a mission! Wir wollen die Periode sowie ihre Symptome enttabuisieren.“ Megaphon-Emoji!
Der Post erhielt ganze 27 Likes und 7 Kommentare, die meisten davon enthielten den Hashtag #pinktax
Ja, die Periode enttabuisieren auf Instagram – nette Idee! Nur ging das leider echt nach hinten los.
Die Ausgangslage: 20 Tabletten Buscopan Plus in der normalen, also grünen Packung kosten 13,99 Euro, also 69 Cent pro Tablette. In Pink ist das Schmerzmedikament zunächst 12 Cent pro Tablette, also etwa 17 Prozent teurer. „So ein freches Beispiel für Pink Tax ist mir noch nie untergekommen“, schreibt die Influencerin wildwuchs.femalehealth auf instagram. Ihr reel, in dem sie mit Buscopan Plus Pink abrechnet hat übrigens mehr als das Tausendfache an Likes bekommen wie der Post von Buscopan, nämlich bald 29.000. Tja. Auf Internet-Deutsch könnte man mit einem bombastic side-eye in Richtung Sanofi sagen: ratio.
Auf Anfrage von BuzzFeed News Deutschland erklärt eine Unternehmenssprecherin von Sanofi: „Betreffend den Preis pro Tablette stimmt es, dass dieser bei unserer neuen Pink-Packung um zwölf Cent höher ist. Das liegt daran, dass sich der Preis der 10er-Packung im Verhältnis zur 20er-Packung nicht einfach halbieren lässt, da die Produktionskosten für beide Versionen gleich hoch sind“. Die kleinere Packungsgröße wird damit gerechtfertigt, dass Frauen mit Periodenschmerzen den Wirkstoff erstmal ausprobieren müssten. Die Farbe Pink diene der Auffindbarkeit im Apothekenregal. Aha. Soweit die Erklärung von Sanofi.
Der Shitstorm gegen Sanofi war immens und daraufhin ruderte das Unternehmen zurück und passte wenigstens den Preis an: Seit August gibt es nun also die pinke Zehnerpackung und die grüne Zwanzigerpackung – Gleicher Inhalt, kleinere Packung, aber gleicher Preis pro Tablette. Sanofi hat kalte Füße bekommen. Vermutlich hat dabei neben dem Shitstorm auch eine Rolle gespielt, dass man sich aus dem juristischen Graubereich einer möglichen Diskriminierung herausbewegen wollte. Sind wir nun glücklich? Nein. Was bleibt, ist Gendermarketing. Das ist zwar nicht verboten, aber mega ätzend. Kein Gericht und keine Verbraucherzentrale kann Sanofi hier zur Rechenschaft ziehen, aber dafür die höchste Instanz auf diesem Gebiet: die Jury des Goldenen Zaunpfahls 2024. Und die findet: Weg mit dem Scheiß!
Herzlichen Glückwunsch an Sanofi zu einem sehr verdienten Goldenen Zaunpfahl 2024 für Buscopan Plus Pink!